“Killerspiele” und Demokratie

Aus aktuellem Anlass möchte auch ich mal Stellung zu der “Killerspiel”-Debatte nehmen, die in Deutschland ja noch immernoch recht aktuell zu sein scheint. Vor einigen Wochen, nach dem Beschluss der Innenministerkonferenz zum Verbot von “Killerspielen”, machte die GameStar, eines der grössten deutschen Magazine für PC-Spiele, einen Aufruf auf ihrer Website zum Schreiben eines Briefes/einer Email an den/die jeweiligen Bundestagsabgeordneten seines Wahlkreises. Ziel war es, dass man die Politik auf ihrer Polemik aufmerksam macht und das Image dieser Gruppe ins rechte Licht rückt. Hierzu wurde ebenfalls ein Beispieltext des Anschreibens gepostet, der so aussah.
Ich bin diesem Aufruf gefolgt und hab den Abgeordneten des Wahlkreises Heilbronn eine Email mit dieser leicht abgeänderten Version des GameStar-Textes geschickt:

Sehr geehrter (Name des Abgeordneten),

im Vorfeld der anstehenden Europa- und Bundestagswahl wende ich mich heute an Sie persönlich. Aktueller Anlass ist der am 5. Juni 2009 erfolgte Beschluss der Innenministerkonferenz der Länder, der ein “Herstellungs- und Verbreitungsverbot” von Action-Computerspielen vorsieht.

Dieser Beschluss ist eine Reaktion auf den entsetzlichen Amoklauf eines 17-jährigen Jugendlichen im baden-württembergischen Winnenden, der die Diskussion um die Wirkung von Computer- und Videospielen neu entfacht hat. (Vor-)schnelle Verbotsforderungen werden den vielschichtigen Aspekten solcher Ereignisse, insbesondere dem Leid der Opfer und Angehörigen, nicht gerecht, sondern wirken im Gegenteil eher verharmlosend und verhindern so eine gründliche Aufarbeitung. Mit Bedauern stelle ich fest, dass die Debatte von Unkenntnis, Polemik, Unsachlichkeit und Vorurteilen geprägt ist, gerade aus den Reihen der Politik. In meinen Augen machen es sich sehr viele (ältere) Menschen gerade in Politik und Medien sehr einfach. Astatt sich zu fragen was in einem jungen Menschen vorgehen muss der so eine Tat vollbringt, wird (wieder einmal!) der leichteste Weg gewählt, dieses Ereignis möglichst schnell und oberflächlich zu “verarbeiten”. An dieser möchte ich vor allem kritisieren, dass weder durch die Politik noch die Medien an dieser Stelle fruchtbare Aufklärung betrieben wird. Für meine Begriffe ist die Debatte nichts weiter als das Resultat von Unverständnis gegenüber dem Medium “Videospiel” und ein reiner Generationenkonflikt.

Leute die vor dem Computer oder der Konsole sitzen werden immer wieder in eine Schublade gesteckt, wo sie nicht hingehören. Der breiten Öffentlichkeit sollte bewusst werden, dass es sich hier nicht um eine Randerscheinung handelt, sondern über eine riesige Gruppe innerhalb unser Gesellschaft (und zwar weltweit). Ich bin mittlerweile 23 Jahre alt und bin sowohl mit dem Medium Computer als auch dem “Videospiel” aufgewachsen und muss leider immer wieder feststellen, dass je älter die Menschen sind, die sich an dieser Debatte beteiligen, umso mehr “gesundes Halbwissen” hat sich bei diesen angesammelt. Nicht zuletzt aufgrund der qualitativ bescheidenen Berichterstattung in den Medien und halbgaren Aussagen hochrangiger Politiker. Mit mitleidigem Lächeln muss ich daher beobachten, wie die Politik verzweifelt versucht neue Medien wie “Twitter” und “Facebook” in den politischen Prozess einzubinden, jedoch das Medium Spiel wiederum weder verstanden noch geschätzt wird, obwohl dieses deutlich älter ist und täglich weitaus mehr Menschen erreicht. Medienkompetenz schön und gut, aber diese sollte bitteschön auch in der Breite vorhanden sein!

Verstehen sie mich bitte nicht falsch, “gewaltverherrlichende” Medien sind aus gutem Grund verboten! Doch ein prinzipielles Herstellungs- und Vertriebsverbot von Filmen und Computerspielen für Erwachsene steht aus meiner Sicht im Widerspruch zu Artikel 5 unseres Grundgesetzes (“Eine Zensur findet nicht statt”).

Vielmehr gilt es, Kinder und Jugendliche vor Inhalten zu schützen, die nicht für ihr jeweiliges Alter freigegeben sind. In Deutschland gelten schon jetzt die europaweit strengsten Gesetze; Mitte 2008 wurde das Jugendschutzgesetz auf Initiative von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen noch einmal erweitert. Seit 1. April 2003 versieht die USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) Computer- und Videospiele – analog zu Spielfilmen – mit eindeutigen, auffälligen Alterskennzeichnungen; fünf Prozent der im Jahre 2008 geprüften Spiele sind auf ein erwachsenes Publikum zugeschnitten und werden daher mit “Keine Jugendfreigabe” eingestuft. Diese Kennzeichnung ist ein hoheitlicher Verwaltungsakt durch die Obersten Landesjugendbehörden.
Zudem werden Produkte, die den strengen Kriterien nicht genügen, nicht gekennzeichnet und können demnach von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) indiziert werden.

Man sollte an dieser Stelle vor allem die Rolle des Einzelhandels kritisieren und deren Verantwortung, entsprechend gekennzeichnete Produkte NICHT an Minderjährige herauszugeben. Ich selbst habe “in “meiner Jugend” erlebt, wie unverantwortlich an dieser Stelle an den Kassen der Elektronikmärkte gehandelt wird!

Als volljähriger Bürger und Wahlberechtigter bitte ich Sie nachdrücklich, …

> den irreführenden und diskriminierenden Begriff “Killerspiele” aus
der politischen Diskussion zu nehmen.

> das Vertrauen der Öffentlichkeit in die bestehenden staatlichen Jugendschutzmechanismen zu stärken und diese durch konstruktive Vorschläge zu verbessern.

> den Vollzug bestehender Gesetze zu verbessern und zu gewährleisten, dass Kindern und Jugendlichen nur Computer- und Videospiele entsprechend der USK-Jugendfreigabe zugänglich gemacht werden.

> Eltern, Pädagogen sowie erzieherisch verantwortliche Personen bei der Förderung der Medienkompetenz zu unterstützen.

> die Computer- und Videospiele-Branche in Deutschland und insbesondere die Ausbildung in diesen zukunftsträchtigen Berufen zu fördern.

Ich hoffe, dass Sie diese Email erreicht und sich jemand die Mühe macht diese auch zu lesen. Ich möchte explizit darauf hinweisen, dass eine unvoreingenommene, konstruktive Debatte auch in Ihrem Interesse ist. Die Politik muss sich allmählich bewusst werden, dass wir jungen Wähler zunehmend betroffen sind und unsachliche, rein polemische Diskussionen nicht an uns vorbei gehen. Desweiteren sind wir mit der Materie vertraut und wissen Aussagen durchaus in ihrem Gehalt zu deuten und zu bewerten. Diesen Hinweis sollten sich insbesondere diverse ihrer Partei-/Fraktionskollegen zu Herzen nehmen und dies wiederum nicht nur alle 4 Jahre, sondern jeden Tag!

Mit freundlichem Gruß

Maximilian Kaczynski
(Wahlkreis HN)

Auf meine Email habe ich folgende Antworten bekommen:

Sehr geehrter Herr Kaczynski,

für Ihre E-Mail vom 6. Juni 2009 zum Thema Killerspiele danke ich Ihnen recht herzlich. Ihre Ausführungen habe ich mit Interesse gelesen und möchte Ihnen gerne wie folgt antworten.

Der schreckliche Amoklauf von Winnenden hat uns alle, die Politik, die Gesellschaft, jeden einzelnen von uns erneut vor die Frage gestellt, wie es geschehen kann, dass ein junger Mensch eine solche Bluttat begeht, und wie wir eine derartige Tragödie künftig verhindern können. Auf diese Frage gibt es keine schnelle Antwort. Und auf diese Frage kann es auch nicht eine einzige Antwort geben. Die Antworten, nach denen wir suchen, können zudem nicht allein von der Politik kommen. Vielmehr ist auch jeder einzelne verpflichtet, die eigenen Verhaltensweisen darauf hin zu überprüfen, inwieweit sie einem friedlichen Miteinander in unserer Gesellschaft zuträglich sind, inwieweit sie der Würde der Mitmenschen Rechnung tragen und inwieweit sie verantwortlichem Handeln gerecht werden.

Zu dieser Selbstreflexion muss auch die Frage gehören, ob der Konsum von Gewaltvideos und Killerspielen, auch wenn diese nicht verboten sind, einem verantwortlichen und selbstverantwortlichen Handeln entspricht. Sicher, nicht jeder, der Gewalt- und Killerspiele spielt, wird zum Amokläufer. Klar ist aber auch, dass die virtuelle Brutalisierung bei vielen jugendlichen Gewalttätern und Amokläufern den Beginn der realen Brutalisierung markiert.

Auch die Politik muss sorgfältig prüfen, wie sie noch mehr dazu beitragen kann, derartige Katastrophen in Zukunft zu verhindern. Die von der großen Koalition beschlossenen Änderungen beim Waffenrecht halte ich daher für einen wichtigen und richtigen Schritt.

Wie bereits gesagt ist aus meiner Sicht die virtuelle Ausübung von Wirklichkeitsnah dargestellten Tötungshandlungen, wie sie in Killerspielen praktiziert wird, überaus problematisch. Das von der Innenministerkonferenz geforderte Herstellungs- und Verbreitungsverbot ist für mich daher bedenkenswert und sorgfältig zu prüfen. In jedem Fall sollte aber meines Erachtens in der Debatte, welche Maßnahmen zur Gewaltprävention ergriffen werden, die von den Bundesministern von der Leyen und Schäuble vorgeschlagene Sperrung von kinderpornografischen Seiten im Internet mit Blick auf Killerspiele neu diskutiert werden. Zudem halte ich es jenseits des Internets für erforderlich, das Zustandekommen von Alterskennzeichnungen von Killerspielen zu überprüfen und insbesondere die Arbeitsweise der Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle kritisch zu hinterfragen.

Mit freundlichen Grüßen
Thomas Strobl
CDU

Sehr geehrter Herr Kaczynski,

als jemand, der in den 1990er Jahren die Kriege auf dem Balkan aus nächster Nähe mitbekommen hat, kann ich nicht nachvollziehen, weshalb Krieg überhaupt als Spiel betrachtet und gespielt wird.

Jedoch ist nicht jede Freizeitaktivität, die man für befremdlich halten kann, auch gleich verbotswürdig. Ich muss ein Hobby nicht mögen und kann zugleich respektieren, dass andere dies tun. Tun sie dies im Einvernehmen, kommt niemand zu Schaden und ist zugleich die Auswirkung eines solchen Hobbys unproblematisch, sehe ich keinen Grund für ein Verbot. Bislang konnte noch kein Zusammenhang zwischen virtueller Gewalt und dem Entstehen von realer Gewalt wissenschaftlich eindeutig nachgewiesen werden. Für mich ist die Freiheit des Einzelnen ein hohes Gut, das nur mit einer guten Begründung eingeschränkt werden darf. Deswegen bin ich gegen vorschnelles aktionistisches Handeln.

Ich begrüße es, dass das Bundeskabinett bereits am 27. Mai als Reaktion auf den Amoklauf von Winnenden eine Reform des Waffenrechts beschlossen hat. Diese Reform hat zum Ziel, dass die legalen und illegalen Waffen reduziert werden. Zudem werden der Waffenbesitz und die Verwahrung der Waffen stärker kontrolliert. Der Zusammenhang zu Winnenden ist hierbei evident: Hätte der Vater des Täters von Winnenden seine Waffen korrekt verwahrt, wäre der Täter nicht an die Tatwaffe herangekommen.

Mit freundlichen Grüßen
Josip Juratovic
SPD

Eine Meinung zu den beiden Antworten, kann sich jeder von euch selbst bilden. Interessanter ist die Tatsache, dass ich wohl nicht der einzige war, der sich an seine Abgeordneten gewandt hat. Auf den Internetseiten des deutschen Bundestages ist mittlerweile nämlich diese Petition online.

Ich bitte euch mal auf den Wortlaut zu achten, es scheinen wohl viele Leute GameStar zu lesen. Die Petition läuft noch bis 19.8.09, also ruhig unterzeichnen, falls ihr die Sache unterstützt.

Nachtrag vom 10.07.09:
Mittlerweile ist die Petition auch über die gängigen Spiele- und IT-Websites wahrgenommen worden. Hier zum Beispiel bei Spiegel ONLINE.

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